Tetsuro - Fudo Kommentar
Aus Leowiki
Der japanische Philosoph Tetsuro unterscheidet grob zwischen drei Klimatypen, die im Zusammenhang mit der menschlichen Entwicklungsgeschichte einen großen Einfluss auf die Kultur, Kunst, Mentalität etc. der Menschen ausüben. Sein Buch ist dabei bei aller Betonung historischer Kontingenz ein Plädoyer gegen Historizismus im Sinne eines teleologischen Nacheinander sondern stattdessen die Betonung eines notwendigen Nebeneinanders verschiedener Kulturen.
Die drei Klimatypen sind folgende:
- Monsunklima:
- Japan, Indien und weite Teile Südostasiens
- Gleichzeitigkeit von Feuchtigkeit und Hitze, "Die Gewaltsamkeit der Natur in Form von Feuchtigkeit hingegen ist die Bedrohung durch eine lebenspendende Macht. [...] Der Mensch der Monsunzone ist also charakterisiert durch Passivität und Resignation." (S. 22f.; Herv. i. Orig.)
- Wüstenklima:
- Arabien, Nordafrika
- "Das Verhältnis diese Menschen zu seiner Welt ist in erster Linie bestimmt durch Widerstand und Kampf, denn die Natur bedroht ihn mit dem Tod. (...) der Schlachtruf des Lebens gegen den Tod ist: "Seid fruchtbar und mehret euch!" Ein zweites prägendes Moment besteght darin, daß die Menschen sich im Kampf gegen die Natur zusammenschließen, denn der einzelne vermag in der Wüste nicht zu überleben." (S. 43, Herv. i. Orig.)
- "Der kampf mit der Natur ist zugleich der Kampf mit dem Menschen. (...) Eine Niederlage des Stammes heißt Tod für den einzelnen, deshalb muß jedes Mitglied der Gemeinschaft seine Kraft und seinen Mut bis zum letzten ausschöpfen. Unermüdliche Willensanspannung, d.h. ständige Kampfbereitschaft, ist erforderlich, wenn der Mensch in der Wüste am Leben bleiben will. Gefühlsbetonte Weichheit kann er sich kaum leisten. Sein Charakter ist durch zweierlei geprägt: durch Gehorsam und durch Kampfgeist." (S. 46f, Herv. i. Orig.)
- "Wie der Wüstenmensch die Welt eroberte, wird deutlich, wenn man die heute noch lebenden Religionen betrachtet. Mit Ausnahme der indischen sind sie alle - Christentum, Judentum und Islam - ein Produkt der Wüste." (S. 49); "Dieser [personale, Anm.] ist die Bewußtwerdung der Einheit der Stammesangehörigen in ihrem Kampf gegen die Natur. Eine Vergöttlichung der NAtur ist hier nicht zu finden, vielmehr ist die Natur Gott untergeordnet. Ganz anders die Götter Griechenlands: Sie sind die Vergöttlichung der äußeren Natur (Zeus, Poseidon) bzw. der inneren Natur (Aphrodite, Apollon)." (S. 50, Herv. i. Orig.)
- "Das hervorstechendste Merkmal der Wüste ist Trockenheit. Diese führt einmal zu einem antagonistischen Verhältnis von Mensch und Welt, zum anderen erfordert sie die absolute Unterordnung des einzelnen unter die Stammesgemeinschaft." (S. 52)
- Wiesenklima:
- Europa, Nordamerika
- "In der Trockenheit des Sommers und in der Feuchtigkeit des Winters - dadurch, daß Hitze und Feuchtigkeit nicht zusammen auftreten - zeigt sich uns der Gehorsam der Natur." (S. 65, Herv. i. Orig.)
- "In Europa hingegen gehen das Natürlich und das Regelmäßige Hand in Hand; Unregelmäßigkeit der Form ist etwas Unnatürliches. So könnte man sagen: In Japan gehören "künstlich" und "rational", in Europa "natürlich" und "rational" zusammen. (...) Es besteht also ein enger Zusammenhang zwischen dem Gehorsam und der Rationalität der Natur. Denn wo die Natur gehorsam ist, entdeckt der Mensch bereitwillig ihre Gesetzmäßigkeit. Und wenn er sich diesen Gesetzen entsprechend verhält, gehorcht sie ihm in immer stärkerem Maße, und so dringt der Mensch wiederum immer weiter in ihre Gesetzmäßigkeiten ein. Von daher wird leicht verständlich, daß die europäische Naturwissenschaft nichts anderes als ein echtes Produkt des "Wiesenklimas" ist." (S. 67)
- " Die Harmonie mit einer Natur wie der griechischen führte zu ihrer Vermenschlichung, zu dem, was wir als anthropozentrische Haltung bezeichnen." (S. 72)
- "Der grausame, schonungslose Krieg sei als bloß zerstörerisches Tun verwerflich; Rivalität und Wettkampf hingegen spornten den Menschen zu höheren Schöpfunen an. (...) dauernde Überlegenheit leugnet den Geist des Wettkampfes und bringt damit den Lebensquell der polis zum Versiegen." (S. 75)
- "Wo die Natur streng und hart ist, unterwirft sich ein nomadisches Volk niemals der Herrschaft Fremder. So ließ das Volk Israel sich trotz seiner lange währenden Knechtschaft keineswegs versklaven. Die Griechen indes stellten ihre Sklaven auf eine Stufe mit dem Vieh. (...) Das Leben des Sklaven bestand aus Arbeit, Strafe und Essen und unterschied sich im Prinzip also nur wenig von dem des Ackerbullen. Diese radikale Sklavenhaltung befreite die wenigen, die Bürger der polis waren, von ihrem Dasein als Bauern und Hirten. (...) Die griechische Kultur konnte erst aufgrund einer so radikalen Klassenspaltung zu ihrer höchsten Blüte gelangen." (S. 76, Herv. i. Orig.; Anm.: Ist das noch Kritik oder schon Rechtfertigung/Lobpreisung? Ebenfalls ungeklärt bleibt die Existenz von Sklaverei in Afrika vor der Versklavung von AfrikanerInnen durch EuropäerInnen)
- "Die Entfaltung jenes unbegrenzten Weitersehens ist erst möglich, wenn man loskommt vom vermittelnden Sehen, wenn das Ziel das Sehen als solches ist. Und genau von diesem "Standpunkt des Sehens" aus wetteiferten die griechischen Bürger miteinander." (S. 77-78)
