Ortmann - Organisation und Moral Exzerpt
Aus Leowiki
Viele interessante Teilabschnitte, insbesondere über Teufels- und Engelskreise in Organisationen, ein sehr interessanter und virtuos fomulierter Teilabschnitt auch über das Leistungsprinzip in Organisation und Gesellschaft (vgl. S. 204 ff.).
- "Nicholas Murray Butler, seinerzeit Präsident der Columbia University, hielt die Erfindung der beschränkten Haftung für wichtiger als die Erfindung der Dampfmaschine; sie erlaubte eine weitgehende Externalisierung, vulgo: Abwälzung von Kosten auf "die Gesellschaft"; dazu Mitchell 2002, 76ff." (S. 11, Herv. i. Orig.)
- "Organisationen sind im Vergleich zu uns Einzelnen die Stärkeren. Sie sind es im Guten wie im Bösen." (S. 23)
- "Tatsächlich läässt sich argumentieren, dass sich Kooperativität oder Kompetivität, low oder high trust, und moralische Standards aller Art, als Eigenwerte einer Organisation ergeben und stabilisieren können: Beginnend bei einem beliebigen Ver- oder Mißtrauens-Input sorgen strukturierte organisationale Prozesse für sich verfestigendes Ver- oder Mißtrauen, für eine kooperative oder kompetitive Praxis, oder ein aus der alltääglichen Praxis resultierender moralischer Standard geht als "Input" in die weitere Praxis ein - und wird so stabilisiert." (S. 30f., Herv. i. Orig.)
- Zum Beispiel "markets for lemons" von Akerlof (1970), S. 40 f.: "Das Problem asymmetrischer Information und schwindenden Vertrauens wurde nicht geringer durch planmäßig herbeigeführte Undurchsichtigkeit, etwa mittels Auslagerung verbriefter Papiere in Zweckgesellschaften ("special purpose entities") und/oder andere Bilanzierungsmanöver."
- "Scheinheiligkeit ist das Merkzeichen einer Moralität, auch wenn diese sich nur noch in der Notwendigkeit bemerkbar macht, sie vorzutäuschen." (S. 42)
- Organisationale Perspektive auf die Finanzkrise (S. 45 f.): "Es wird Leute geben - Volkswirte zum Beispiel, die dazu neigen, die Wirtschaft aus der Vogelperspektive zu betrachten -, die sagen werden: Wozu der Blick ins Innere der Organisationen? Wir reparierenn das System und alles wird gut. Das Problem ist: Das Innere der Organisationen ist, in Tateinheit mit ihrem nach außen gerichteten Agieren, das System, das nämlich aus Handlungen besteht, die systemischen Nötigungen folgen (und sie eben dadurch reproduzieren), Handlungen unter denen die sei es nach innen, sei es nach außen gerichteten/wirkenden Handlungen der Organisationen die mit großem Abstand wirkmächtigsten sind. (...)
- Das Driften der Standards der Kreditvergabe und die Normalisierung von Devianz finden zuvörderst innerhalb von Organisationen statt, bei Brokern, Hypothekenbanken, Investmentfirmen und auch bei institutionellen Investoren (...)
- durch schleichende Veränderung der Organisationskultur in Richtung auf eine Bonuskultur (...)
- Der Konsum erzeugt/verstärkt das Begehren und, infolgedessen, den Mangel, hier: den Mangel an Hypotheken. (...)
- Rekursivität (...) heißt Verschachtelung und zirkuläre Verursachung. Zu tun haben wir es mit Schachteln in Schachteln in Schachteln sowohl auf der Ebene der Produkte (Bündel von Bündeln von Bündeln, Tranchen, von Tranchen von Tranchen, Derivate von Derivaten von Derivaten) als auch auf der Ebene der Produzenten einschließlich Schachtelbildung via special purpose entities, also der beteiligten Organisationen, die sich ja arbeitsteilig diesen verschachtelten Produkten und ihrer Fabrikation widmen, und deren interorganisationale Anordnung dieser rekursiven Schleife folgt (auch den individuellen Kreditnehmer ergreift): Der große Investor sucht Anlagemöglichkeiten und findet diese via Investmentbank/Hypothekenbank/Broker/Hauskäufer. Das Geld für den Hauskauf kommt also in "letzte" Instanz von den großen Investoren. Es treibt die Häuserpreise hoch, weil nun viele neue Kandidaten für Hauskauf und Kreditgewährung in Frage kommen und am Ende treibt dies in eine Immobilienspekulation mit Selbstverstärkungseffekten, also rekursiver Verursachung/Verstärkung: Weil Kredite leicht zu haben sind, steigen die Häuserpreise, und weil die Häuserpreise steigen, sind Kredite leichter zu haben. Weil viele kaufen, steigen die Preise, und weil die Preise steigen, kaufen noch mehr. Solange alles gut geht und der Boom anhält, hat am Ende der Investor, wie vorgesehen, Geld hinzuverdient, und er kann/muss es erneut in den Kreislauf einspeisen. Nicht übrigens, dass Kreditderivate per se von Übel wären. Gefährlich werden sie erst, wenn sie einer massiven Hebelwirkung unterzogen werden, einem hypertrophen "Leverage". (...)
- Organisationen sind es auch, die für einschlägige Gratifikations- und Bonussysteme verantwortlich sind, mit Effekten sowohl für die Nutzenorientierung als auch für die Moral der individuellen Akteure (...)
- Organisationale Ressourucen, wie gesehen, spiellen ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle: Die Compuutertechnik, die Software für Risikoberechnung, die Kompetenz der so genannten quant people (...)
- Das gilt auch für die Rating-Organisationen und ihre Rating-Verfahren, wiederum "Rädchen im Getriebe" des Systems"
- "in Sachen Moral von Organisationen gibt (es) Kongingenzspielräume, die von Marktzwängen nicht geschlossen werden" (S. 61)
- "Organisationen werden als juristische Personen und korporative Akteure fingiert, aber diese Fiktion resultiert aus sozialer Praxis und mündet wieder in sie ein, ist in vielfacher Hinsicht der Bewährung in der sozialen Praxis ausgesetzt und kann daher an widerstreitender Praxis und Erfahrung scheitern. (...) Der Korporativakteur ist eine Realität, die sich einer Fiktion verdankt. "Er ist
"real", weil diese Fiktion Strukturwert gewinnt und soziale Handlungen dadurch orientiert, dass es diese kollekktiv bindet." (Teubner 1987, 69) Die Differenz zu Max Weber ist hier minimal." (S. 63, Herv. i. Orig.)
- ""Karl Weick aber (1995, 18 ff.) zitiert Mead und Pablo Neruda für die Einsicht, jeder, auch der individuelle "sensemaker" sei ein "parliament of selves"." (S. 65, Herv. i. Orig.)
- Unsicherheitsfaktor Mensch, S. 69: "rogue employee"
- Emergenz (S. 74): "Doch die hierarchische Struktur der höheren Formen des Lebens macht die Annahme zusätzlicher Emergenzoprozesse erforderlich. Wenn jede höhere Ebene dazu dient, die von den Operationen der darunterliegenden Ebene offengelassenen Randbedingungen zu kontrollieren, so bedeutet das, dass die Randbedingungen der auf der niedrigeren Stufe ablaufenden Vorgänge von diesen gar nicht tangiert werden. Mit anderen Worten, keine Ebene ist imstande, ihre jeweiligen Randbedingungen zu kontrollieren, und vermag auch keine über ihr liegende Ebene aus sich zu generieren, weil die Leistung einer höheren Ebene ja gerade darin läge, diese Randbedingungen zu kontrollieren. So impliziert schon die logische Struktur der Hierarchie, dass eine höhere Ebene nur durch einen auf der niedrigeren Ebene nicht auffindbaren Prozess entstehen kann, einen Prozess, den man folglich als Emergenz beschreiben kann." (Polanyi 1985, 46)
- "Verantwortlichkeit hängt von Zurechenbarkeit ab. "Accountability" trägt schon einen doppelten Sinn, den eines Vermögens - Zurechnungsfähigkeit - und den der zugehörigen Möglichkeit, für die Ausübung dieses Vermögens und dessen Folgen als Verursacher, zumal von Dritten, moralisch und rechtlich in Anspruch genommen zu werden. Gemeint ist dann, schärfer formuleirt, die Eignung als Träger von Rechenschaftspflichten, und daher, noch schärfer, Zurechnungspflichtigkeit. Mit Emergenz kommt alles ins Spiel, was unter Titeln wie "Eigensinn" und "Eigendynamik" namhaft gemacht worden ist. (...) Daraus aber folgt schon, dass die Organisation von Verantwortlichkeit nicht nur auf organisationale Regelon, etwa Regeln namens codes of conduct abstellen kann, sondern die Entwicklung individueller Vermögen einschließen muss." (S. 75-77, Herv. i. Orig.)
- "Rekursiv, so siet man daran, ist auch das Verhältnis von Ökonomie und Kultur gebaut, nicht, wie bei Marx, als Verhältnis von Basis und Überbau, sondern so, dass beide (sich zwar aneinander reiben, jedoch auch) einander Konstitutionsbedingungen sind" (S. 95)
- Moralische Arbeitsteilung, S. 110: "Schließlich ist es ein wichtiger, wiederum zutiefst ambivalenter Aspekt moralischer Arbeitsteilung, dass eine Verschiedenheit und sogar Widersprüchlichkeit einzelner Normen oder auch ganzer Normenkulturen buchstäblich arbeitsteilig abgearbeitet werden kann. In der Verkaufsabteilung herrscht vielleicht Höflichkeit und Kulanz, im Inkasso-Büro rabiate Strenge - einschließlich zugehöriger (In-)Sensibilitäten, ganz im Sinne der Wiesenthalschen multiple self-Identität von Organisationen."
- Bedrückendes Beispiel der Firma Topf & Söhne, die die Öfen für Auschwitz gefertigt hatten, vgl. S. 114f.)
- "Dass die Katastrophe die Auslöschung ihrer Spuren impliziert, kennen wir auch von dort, ob von Bankenskandalen, zweifelhaften Firmenzusammenbrüchen oder Perrows "normalen Katastrophen". Überall sind wir auf Zeugenschaft angewiesen, auf Beurkundungen von Zeugen, die dafür eigens vorgesehen sein mögen - Wirtschaftsprüfer, Controller, Revisoren, Inspektoren, Compliance Officers, Gutachter, - oder auch nicht (wie die Whistleblower), und müssen uns auf ihre Zeugnisse - Zertifikate, Gutachten, Expertisen, Protokolle, Auskünfte - verlassen." (S. 133)
- Zeugenschaft und Vertrag, S. 134: "Tatsächlich findet an ihr jedweder Kontraktualismus eine Grenze, weil die Wahrhaftigkeit der Zeugenschaft vertraglich nicht zu sichern ist." (S. 134)
- Whistleblower und Transparency International, S. 139-141
- "getreu der Motivationstheorie Woody Allens: Reichtum ist besser als Armut, und sei es nur aus finanziellen Gründen. Expropriation der Exproprateure, Enteignung durch das Management, und das im Namen der Expropriierten, der shareholder - welch' Ironie der Geschichte." (S. 147, Herv. i. Orig.)
- Graphik zu Managereinkommen, S. 151
- Engels- und Teufelskreise, S. 152 ff.
- "Regelverletzungen müssen möglich sein. Dann aber verläuft die wichtige Grenze nicht zwischen Regelbefolgung und -verletzung, sondern zwischen akzeptabler und inakzeptabler Regelbefolgung und -verletzung, sondern zwischen akzeptabler und inakzeptabler Regelverletzung, mit der Folge, dass wir auch darin auf die Produktion der Kultur (der Akzeptabilität) zurückverwiesen sind." (S. 159)
- Beteiligung der Wirtschaftsprüfer an Skandalen, S. 167 f.
- "Vor der systemischen Ausdifferenzierung jener Wertsphären hätte man einfach von Wertkonflikten gesprochen. Sie sind nun zu struktureller Korruption angewachsen und mit der ganzen Gewalt systemischer Nötigungen ausgestattet. Moral kommt auch da leicht unter die Räder." (S. 182, Herv. i. Orig.)
- "Auch in Organisationen tobt das Leben, auch sie sind Lebenswelt für ihre Mitglieder. Es herrschen darin nicht nur Geld und Macht." (S. 183, Herv. i. Orig.)
- "Zweckkrationalität mit den zwei Elementen: anerkannte Zwecke un effizienter Mitteleinsatz, ist das unabweisbare Legitimationserfordernis einer jeden Organisation." (S. 188)
- "Dass es kapitalistischen Gesellschaften gelingt, eine Selbstbeschreibung als Leistungsgesellschaft zu etablieren und aufrechtzuerhalten - Gesellschaften, die mit Geld, Ruhmm, Ehre, Prestige und überhaupt Lebenschancen Leute überhäufen, die schnell im Kreis fahren, größere und kleinere Bälle geschickt schlagen, treten, oder werfen können, Glück im Casino-Kapitalismus haben oder genug Alertness bei der Selbstbedienung aufbringen -, zählt zu den Wundern des Sozialen." (S. 204f.)
- "Allerdings ist es eines, Konformität bei Einhaltung minimaler Leistungsstandards, ein anderes, Leistung bei Einhaltung minimaler Konformität zu entlohnen. In Parteien mag eher Ersteres, in Unternehmen Letzteres geboten sein." (S. 205)
- Nach einer Aufzählung verschiedener Leistungsmessungs-Tools auf S. 206 (Herv. i. Orig.): "In diesem Dschungel sieht man den Wald der Unvernunft vor Bäumen der partiellen und selektiven Zweckkrationalitäätenn bald nicht mehr. Der Konsens über das Leistungsprinzip ist ein - das! - Resultat einer mitlaufenden Produktion all jener Mess-, Vergleichs-, Beurteilungs-, Zurechnungs-, Kontroll-, Einstellungs-, Anerkennungs-, Entlohnungs- und Beförderungsoperationen ist. Für diese mitlaufende, soll heißen: nicht eigentlich, jedenfalls nicht primär intendierte Produktion hat Michael Burawoy (1979) den sprechenden Titel gefunden: Manufacturing Consent. Der Streit um die Anwendung der Spielregeln der Produktion stiftet en passant, als Nebenprodukt, Konsens über ihre Geltung.
- "Generell, aber besonders mit Blick auf das Leistungsprinzip und seine déplacementes, gilt: Die eigene Legitimation ist eine Kuppelprodukt der Organisation." (S. 207, Herv. i. Orig.)
- "Eben weil es ihr eigenes Handlungsfeld ist, das durch Recht und Politik per Regulation strukturiert wird, muss die Unternehmung, muss ihr strategisches Management daran interessiert sein, diese Regulationen zu regulieren, genauer:. die Regulateure zu günstigen Regulationen zu veranlassen. (S. 216, Herv. i. Orig.)
- Standardisierung und private governance regimes (S. 219, Herv. i. Orig.)
- Verschiebung: "aufschieben und verändern. Gemeint sind Zeit-, Ziel-, Grenz- und Bedeutungsverschiebungen von Normen und Wortbedeutungen" (S. 224)
- "Kaum Trost spendet es da (obwohl mit Teubner darin ein Hoffnungsschimmer erblickt werden kann), dass das Geflecht aus Konversationskreisen und governance regimes zu kompliziert und seine Eigendymanikk oft zu stark ist, als dass bestimmte Organisationen ihre Interessen darin glatt durchsetzen könnten. Das heißt nur, dass die eingeschlagene Richtung die nicht-intendierte Resultante vieler Kräfte ist, eine Trajektorie, die sich hinter dem Rücken aller Akteure ergibt, und die vielleicht niemand gewollt hat. Es heißt nicht, dass uns die Richtung nicht beunruhigen müsste." (S. 226, Herv. i. Orig.)
- Organisation als Gegenmacht für Organisationen (S. 250)
- ""Häufig zerfalle eine Steuerhinterziehung in für sich jeweils rechtlich unbedeutsamme Einzelakte, die erst in ihrer Gesaamtheit zur Tatbestandsverwirklichung führen." (Leipold 2008, 216) Wohl wahr, und was hier in der Sprache der Juristen "Gesamtheit der Einzelakte" heißt, das eben macht jenes Emergenzniveau auus, das man mit den Konzepten des korporativen Akteurs und des organisationalen Handelns soziologisch auf den Begriff bringt." (S. 263)
- "Das Problem verschärft sich für Organisationen noch einmal erheblich, weil individuelle Integrität die Möglichkeit enthalten muß, in Widerstreit zu organisationalen Regeln, Funktionserfordernissen und Systemmerfordernissen und Systemmimperativen zu geraten." (S. 271, Herv. i. Orig.)
- Beispiel Maria-Theresia-Orden, S. 272
