Han - Transparenzgesellschaft

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Sehr transparenzkritisches Buch, wobei hier vor allem gegen Transparenzwahn bzw. Totalisierung von Transparenz polemisiert wird.

Exzerpt

Hervorhebungen im Original:

  • "Das Geld, das alles mit allem vergleichbar macht, schafft jede Inkommensurabilität, jede Singularität der Dinge ab. Die Transparenzgesellschaft ist eine Hölle des Gleichen." (S. 6)
  • "Schon Humobldt weist auf die fundamentale Intransparenz hin, die der menschlichen Sprache innewohnt: "Keiner denkt bei dem Wort gerade und genau das, was der andre (denkt), und die noch so kleine Verschiedenheit zittert, wie ein Kreis im Wasser, durch die ganze Sprache fort. Alles Verstehen ist daher immer zugleich ein Nicht-Verstehen, alle Übereinstimmung in Gedanken und Gefühlen zugleich ein Auseinandergehen."" (S. 7)
  • "Der Mensch ist nicht einmal sich selbst transparent" (S. 9)
  • "Die Negativität des Auslassens und Vergessens wirkt nicht selten produktiv. Die Transparenzgesellschaft duldet weder Informations- noch Sehlücke. Sowohl das Denken als auch die Inspiration bedarf aber einer Lehre. Das Wort Glück rührt im Übrigen von der Lücke her. (...) Liebe ohne Sehlücke ist Pronografie. Und ohne Wissenlücke verkommt das Denken zum Rechnen." (S. 11)
  • "Auch die Theorie im emphatischen Sinne ist ein Erscheinung der Negativität. Sie ist eine Dezision, die entscheidet, was dazu gehört und was nicht. Als eine hochselektive Narration schlägt sie eine Schneise der Unterscheidung. Aufgrund dieser Negativität ist die Theorie gewaltsam." (S. 13)
  • "Politik ist ein strategisches Handeln. Bereits aus diesem Grund eignet ihr eine Geheimsphäre. Eine totale Transparenz lähmt sie." (S. 14)
  • "Der Transparenzzwang stabilisiert das vorhandene System sehr effektiv. Die Transparenz ist an sich positiv. Ihr wohnt nicht jene Negativität inne, die das vorhandene politisch-ökonomische System radikal in Frage stellen könnte. (...) Die Politik ohne Referenz verkommt zum Referendum." (S. 16)
  • "Transparenz und Wahrheit sind nicht identisch. Die Wahrheit ist insofern eine Negativität, als sie sich setzt und durchsetzt, indem sie alles Andere für falsch erklärt. (...) Die Hyperinformation und Hyperkommunikcation zeugt gerade vom Mangel and Wahrheit, ja vom Mangel an Sein." (S. 17)
  • "Die Komplexität verlangsamt die Kommunikation. (...) Der Sinn ist langsam. Er ist hinderlich für die beschleunigten Kreisläufe der Information und Kommunikation. So geht die Transparenz mit einer Sinnleere einher. Die Informations- und Kommunikationsmasse entspringt einem Horror vacui." (S. 25)
  • "Die Macht an sich ist nicht diabolish. Sie ist in vielen Fällen produktiv und hervorbringend. Sie generiert einen Frei- und Spielraum zur politischen Gestaltung der Gesellschaft." (S. 31)
  • "Die Schönheit ist insofern unenthüllbar, als sie notwendig an Hülle und Verhüllung gebunden ist." (S. 36)
  • "Die Narration ist keine Addition." (S. 52)
  • "So weicht heute die theatralische Darstellung der pronografischen Ausstellung." (S. 58; Anm.: hier bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich so ist.)
  • "Mehr an Information und Kommunikation allein erhellt die Welt nicht. Die Durchsichtigkeit macht auch nicht hellsichtig. Die Informationsmasse erzeugt keine Wahrheit. (S. 68; was danach kommt, ist aber weniger überzeugend: "Je mehr Information freigesetzt wird, desto unübersichtlicher wird die Welt. Die Hyperinformation und Hyperkommunikation bringt kein Licht ins Dunkel." Man ist versucht nachzusetzen: Zumindest nicht von alleine. Transparenz ist immer ein Mittel. Das Problem beginnt, wenn Transparenz zum Selbstzweck wird.)
  • "Wir erleben im Moment nicht das Ende des Panoptikums, sondern den Anfang eines ganz neuartigen, aperspektivischen Panoptikums. Das digitale Panoptikum des 21. Jahrhunderts ist insofern aperspektivisch, als es nicht mehr von dem einen Zentrum, von der Allmacht des despotischen Blickes überwacht wird. Die Unterscheidung von Zentrum und Peripherie,, die konstitutiv für das Benthamsche Panoptikum ist, verschwindet ganz. Das digitale Panoptikum kommt ohne jede perspektivische Optik aus. Das macht seine Effizienz aus. Die aperspektivische Durchleuchtung ist wirksamer als die perspektivische Überwachung, weil man von allen Seiten, von überall her, ja von jedem ausgeleuchtet werden kann." (S. 74-75)
  • "Während die Insassen des Benthamschen Panoptikums sich der permanenten Präsenz des Aufsehers bewusst sind, wähnen sich die Bewohner des digitalen Panoptikums in Freiheit." (S. 76)
  • "Das Vertrauen, das freie Handlungsräume hervorbringt, kann nicht einfach durch die Kontrolle ersetzt werden. (...) Vertrauen ist nur möglich in einem Zustand zwischen Wissen und Nicht-Wissen. Vertrauen heißt trotz Nicht-Wissen gegenüber dem Anderen eine positive Beziehung zu ihm aufbauen." (S. 78)
  • "Statt "Transparenz schafft Vertrauen" sollte es eigentlich heißen: "Transparenz schafft Vertrauen ab." Die Forderung nach Transparenz wird gerade dann laut, wenn es kein Vertrauen mehr gibt. In einer auf Vertrauen beruhenden Gesellschaft entsteht keine penetrante Forderung nach Transparenz. Die Transparenzgesellschaft ist eine Gesellschaft des Misstrauens und des Verdachts, die aufgrund des schwindenden Vertrauens auf Kontrolle setzt." (S. 79)
  • "Die Transparenzgesellschaft folgt genau der Logik der Leistungsgesellschaft. Das Leistungssubjekt ist frei von äußerer Herrschaftsinstanz, die es zur Arbeit zwingen und ausbeuten würde. Es ist Herr und Unternehmer seiner selbst. Der Wegfall der Herrschaftsinstanz führt aber nicht zu einer wirklichen Freiheit und Zwanglosigkeit, denn das Leistungssubjekt beutet sich selbst aus. (...) Die Selbstausbeutung ist effizienter als die Fremdausbeutung, weil sie vom Gefühl der Freiheit begleitet wird. (...) Die Selbstausleuchtung ist effizienter als die Fremdausleuchtung, weil sie mit dem Gefühl der Freiheit einhergeht." (S. 79-80)

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