Han - Shanzhai
Aus Leowiki
Sehr beeindruckende Gegenüberstellung westlicher und östlicher Vorstellungen von Original/Kopie/Fake - letzteres das titelgebende Shanzhai.
Exzerpt
- "Der Glaube an die substanzielle Unveränderlichkeit und Beständigkeit bestimmt sowohl die westliche Vorstellung der moralischen Subjektivität als auch die der normativen Objektivität. Das chinesische Denken ist dagegen insofern von Anfang an dekonstruktivistisch, als es mit dem Sein und Wesen radikal bricht. Auch der Tao (wörtlich: Weg) stellt die Gegenfigut zum Sein oder Wesen dar. Er schmiegt sich Veränderungen an, während das Wesen dem Wandel widersteht." (S. 9, Herv. i. Orig.)
- "Der Prozess mit seinen unablässigen Wandlungen beherrscht auch das chinesische Bewusstsein von der Zeit und der Geschichte. So vollzieht sich der Wandel nicht ereignishaft oder eruptiv, sondern diskret, unmerklich und kontinuierlich. Undenkbar wäre jene Schöpfung, die sich an einem absoluten, einmaligen Punkt ereignete. (...) Es kennt jene Identität nicht, die auf einem einmaligen Ereignis beruht. Schon in diesem Sinne lässt es die Idee des Originals nicht zu, denn die Originalität setzt den Anfang im emphatischen Sinne voraus." (S. 10)
- "Das Ereignis lässt sich als ein imaginäres Konstrukt begreifen, das das Vorgängige ausblendet, aus dem es geworden ist und sich als aboluten Anfang setzt." (S. 10, FN 4, Herv. i. Orig.)
- "Das chinesische Denken ist pragmatisch im besonderen Sinne. Es spürt nicht dem Wesen oder Ursprung, sondern den veränderlichen Konstellationen der Dinge (pragmata) nach. Es gilt, den veränderlichen Lauf der Dinge zu erkennen, ihm situativ zu entsprechen und daraus Nutzen zu ziehen. Das chinesische Denken misstraut festen, unveränderlichen Wesenheiten oder Prinzipien. Diese Geschmeidigkeit oder Anschmiegsamkeit, die auf die Wesenlosigkeit, auf die Leerheit zurückgeht, erscheint Hegel offenbar als listig, unwahrhaftig oder unmoralisch." (S. 12, Herv. i. Orig.)
- "Das chinesische Denken kennt zwar auch die Regelhaftigkeit konventioneller Normen, aber es ist gleichzeitig stark vom Bewusstsein ständiger Wandlungen geprägt. Von Zhuxi stammt der folgende Spruch: (...) "Im Normalfall hält man sich an die Regeln der Konvention, bei Wandlungen aber macht man vom quan Gebrauch." Quan bezeichnet die Fähigkeit, sich den sich verändernden Umständen anzupassen und daraus Nutzen zu ziehen." (S. 13, Herv. i. Orig.)
- "Konfuzius etwa verleugnet interessanterweise die Autorschaft seiner Lehre. Er ist kein Schöpfer, sondern ein Medium." (S. 13, FN 6)
- "Auch die Macht (quan li) unterscheidet sich von der Kraft (lí) dadurch, dass sie im Gegensatz zu dieser keine statische, sondern eine konstellative Größe darstellt. (...) Der Macht kommt nicht eine Subjektivität, sondern eine Situativität zu. Sie hängt von der Lage ab." (S. 15, Herv. i. Orig.)
- "Das chinesische Denken ersetzt das Schwergewicht des Seins durch das Laufgewicht des quan und somit die Gravitation durch die Situation." (S. 15, Herv. i. Orig.)
- "Die chinesische Vorstellung des Originals als Spur (ji), weist die Struktur jener Freud'schen "Erinnerungsspur" auf, die einer ständigen Umordnung und Umschrift unterworfen ist." (S. 19)
- "Auch Derrida nennt die "différance", die sich jeder Markierung in Präsenz und Identität entzieht, die "Spur" (vgl. Randgänge der Philosophie, Wien, 1988, S. 48)" (S. 19, FN 10, Herv. i. Orig.)
- "Der Wandel erfolgt allerdings nicht innerhalb einer Seeele einer Künstlersubjektivität. Die Spur löscht sie zugunsten eines Prozesses, der keine essentialistische Setzung zulässt." (S. 20, Herv. i. Orig.)
- "Der Ursprung erweist sich ales eine nachträgliche Konstruktion." (S. 23, Herv. i. Orig.)
- "Der Kult der Originalität drängt jene Praxis in den Hintergrund, die wesentlich ist für den Schöpfungsprozess. Die Schöpfung ist in Wirklichkeit kein plötzliches Ereignis, sondern ein langsamer Prozess, der eine lange und intensive Auseinandersetzung mit dem Gewesenen erfordert, um aus diesem zu schöpfen. Schöpfung ist in dem Sinne primär Schöpfen. Das Konstrukt des Originals eskamotiert das Gewesene, das Vorgängige, aus dem es geschöpft wird." (S. 27, Herv. i. Orig.)
- Über die Gemälde von Chang Dai Chien, der als Picasso Chinas galt: "Seine Gemälde sind insofern Originale, als sie die "echte Spur" der alten Meister fortführen udn auch ihr OEuvre nachträglich vergrößern und verändern. Nur die emphatische Idee des unwiederholbaren, unantastbaren, einmaligen Originals degradiert sie zu bloßen Fälschungen. Jene besondere Praxis der Fortschöpfung ist nur in einer Kultur denkbar, die nicht von revolutionären Brüchen und Diskontinuitäten, sondern von Kontinuitäten und stillen Wandlungen, nicht vom Sein und Wesen, sondern vom Prozess und Wandel überzeugt ist." (S. 41-42, Herv. i. Orig.)
- "Der Ferne Osten kennt diesen Kult des Originals nicht. Er hat eine ganz andere Technik des Bewahrens entwickelt, die effektiver wäre als das Konservieren oder Restaurieren. Sie erfolgt durch einen ständigen Nachbau. (...) In einer Kultur, in der die ständige Reproduktion eine Technik der Erhaltung des Bewahrens darstellt, sind Nachbauten alles andere als bloße Kopien." (S. 67)
- "Die Produktion in Modulen verträgt sich nicht mit der Idee des Originals, denn am Anfang stehen hier Versatzstücke. Leitend für die modulare Produktion ist nicht die Idee der Originalität oder Einmaligkeit, sondern die Reproduzierbarkeit." (S. 71, Herv. i. Orig.)
- "Es geht nicht darum, die Natur so realistisch wie möglich abzubilden, sondern genau so zu operieren wie die Natur. Auch in der Natur bringen sukzessive Variationen Neues hervor, offensichtlich ohne jeden "Genius"" (S. 73)
- "Shanzhai, so heißt der chinesische Neologismus für Fake. Es existieren nun auch Ausdrücke wie Shanzhaiismus, Shanzhai-Kultur oder Shanzhei-Geist." (S. 76)
- "Das Wort Shanzhai bedeutet ursprünglich "Bergfestung"." (S. 79)
- "Die Kreativität, die man ihnen nicht absprechen kann, ist nicht von der Diskontinuität und Plötzlichkeit der Schöpfung des Neuen, die mit dem Alten ganz bricht, sondern von der spielerischen Lust am Verändern, Variieren, Kombinieren und Transformieren bestimmt." (S. 83)
- "Die Kreativität, die der Shanzhai-Bewegung zugrundeliegt, setzt ein aktives Anpassen, ein spielerisches Kombinieren voraus. In solchen abgedroschenen Asiatismen wie Nicht-Tun oder Kontemplation lässt sich diese Form der Kreativität nicht fassen. (...) In seiner Abhandlung über Kreativität geht auch Hans Lenk über jene Asiatismen nicht hinaus: "(...) Das Geschehenlassen gilt als Mutter der Kreativität." Vgl. Hans Lenk, Kreative Aufstiege. Zur Philosophie und Psychologie der Kreativität, Frankfurt a. M. 2000, S. 108 f." (S. 83-84, FN 28)
- "Die Chinesen sehen im Kapitalismus offensichtlich keinen Widerspruch zum Marxismus. Ja der Widerspruch ist keine chinesische Denkkategorie. Das chinesische Denken entwickelt mehr Neigung zum Sowohl-als-Auch als zum Entweder-Oder." (S. 85)
