Oevermann1979-Exzerpt

Aus Leowiki

Wechseln zu: Navigation, Suche

Oevermann, U./Allert, T./Konau, E./Krambeck, J. (1979): Die Methodologie einer "objektiven Hermeneutik" und ihre allgemeine forschungslogische Bedeutung in den Sozialwissenschaften. In: Soeffner, H. (Hg.): Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften, S. 352-434

„Die Methodologie der objektiven Hermeneutik hat eine besondere Affinität zum inhaltlichen Programm einer soziologischen Sozialisationstheorie, für die im Rahmen einer allgemeinen These der sozialen Konstitution der Ontogenese die rekonstruktive Explikation der Struktureigenschaften der sozialisatorischen Interaktion im Mittelpunkt stehen sollte.“ (S. 353)

„In dieser Betrachtung wird nun die Sozialisationstheorie gerade nicht zu einem sozialpsychologischen oder entwicklungspsychologischen Appendix der allgemeinen Soziologie […], sondern zu einer fundamentalen unabhängigen Komponente einer allgemeinen soziologischen Strukturtheorie in dem Sinne, daß sich eine konsequente strukturtheoretische Analyse in der Soziologie ohne diese Komponente nicht durchführen läßt. Entsprechend dieser Schlußfolgerung wird die hermeneutische Methodologie, ohne die das genannte Programm einer soziologischen Sozialisationstheorie nicht durchführbar ist, zu einem für die Soziologie allgemein geltenden forschungslogischen Programm.“ (S. 353-354)

„Sozialkwissenschaftler haben, so unsere Erfahrung, zunächst schwere Bedenken gegen eine Interpretation, die das Verhalten des Vaters in ein so schlechtes Licht rückt, ihm so viel Schlimmes unterstellt. Dieser Einwand wäre berechtigt, wenn die Interpretation implizierte, der Vater habe ‚bewusst’ so gehandelt. An dieser Stelle zeigt sich eine wesentliche Schwierigkeit unserer Interpretationen, auf die wir im Vorgriff aufmerksam machen möchten. Die Umgangssprache und das umgangssprachlich eingekleidete Denken enthalten sie ein ‚intentionalistisches’ Vorurteil, unterschieben Intentionen, wo zunächst nur Bedeutungen vorliegen, und verführen auf diese Weise zu einem Denken, das Handlungsabläufe als Schuld und Verantwortung Personen zurechnet.“ (S. 359)

„Andererseits ist für unsere Interpretationen, wie überhaupt für hermeneutisches Rekonstruktionsverfahren konstitutiv, daß sie in der Sprache des Falles selbst, d.h. umgangssprachlich durchgeführt werden müssen. Damit ist […] eine Kollision mit dem Gebot, dem ‚intentionalistischen’ Vorurteil der Umgangssprache entgehen zu müssen, unvermeidlich. Eine angemessene Übersetzung des umgangssprachlichen Subjektivismus ist erst theoriesprachlich möglich, aber einer theoriesprachlichen Formulierung eines sozialen Sachverhalts muß dessen hermeneutische Rekonstruktion in der Sprache des ‚Falles’ selbst vorausgehen.“ (S. 359)

„Bei der Interpretation der disqualifikatorischen Äußerung des Vaters ist also zu entscheiden, ob es sich um eine strategische, die disqualifikatorische Wirkung antizipierende und intendierende Handlung oder um eine Äußerung handelt, deren objektiv disqualifikatorische Bedeutung und Wirkung der subjektiv intendierten Wirkung nicht entspricht oder ihr gar widerspricht. […] Es läge hier also ein Beispiel des für die soziologische Analyse immer interessanten Falles der Diskrepanz zwischen Intention und Wirkung oder Bedeutung, eines Falles von ‚unanticipated consequences of action’ vor.“ (S. 360)

„Dieses die Disqualifikation im strengen Sinne nicht produzierenbde, sondern nicht verhindernde Wahrnehmungsdefizit führen wir auf restriktive Bedingungen zurück, über die sich immer nur Vermutung, in diesem Falle allerdings sehr plausible Annahmen formulieren lassen.“ (S. 361, Herv. i. Orig.)

„Generell wird man annehmen können, daß Menschen nur in Ausnahmefällen in der Lage sind, auf der Ebene von latenten Sinnstrukturen Bedeutungszusammenhänge zu entschlüsseln, die erst nach langwierigen und recht komplizierten praktischen Schlüsseln und unter der Bedingung der Handlungsentlastetheit und Nicht-Betroffenheit expliziert werden können.“ (S. 366)

„War es eine unbewußte oder eine vorbewußte Wahrnehmung? Dies zu unterscheiden kann nicht Aufgabe von Soziologen sein, sondern muß den Psychoanalytikern überlassen werden. Hier kommt es nur auf die von der Textstruktur her abzusichernden sinnlogischen Zusammenhänge an, die auch für das psychoanalytische Urteil über die innerpsychische Realität den realen Ausgangspunkt bilden müssen.“ (S. 367, Herv. L.D.)

„Dies veranlaßt uns, vorläufig einen Begriff von sozialem Unbewußten, gewissermaßen vom Unbewußten des Interaktionssystems, metaphorisch einzuführen. Das Interaktionssystem ‚verdrängt’ die in ihm ständig reproduizierte dominante Struktur. […] es kommt hier zunächst auf den Nachweis von zwei grundsätzlich verschiedenen Realitätsebenen an: Der Realität von latenten Sinnstrukturen eines Textes einerseits, die unabhängig von ihrer jeweiligen psychischen Repräsentanz auf seiten der Textproduzenten und Textrezipienten rekonstruierbar sind und für die sozialwissenscahftliche Untersuchung auf welcher anderen Realitätsebene auch immer den Ausgangspunkt notwendig bilden müssen, und der Realität von subjektiv intentional repräsentierten Bedeutungen eines Textes auf seiten der handelnden Subjekte andererseits. Diese Realität ist gebunden an das Kriterium der Kommunizierbarkeit.“ (S. 367)

„Wenn wir daher in unseren Analysen häufig Anleihen in der Terminologie dieser Ansätze machen, so bedetuet das nicht, verkappte Psychoanalyse zu betreiben, sondern allenfalls, im Verfolg einer strikt strukturtheoretischen Perspektive in der Soziologie die geheimen strukturtheoretischen Gemeinsamkeiten im Denken der Psychoanalyse und der Soziologie hervorzukehren. Im übrigen sollte das diejenigen Soziologen nicht verwundern, die das Explizieren von ‚unbeabsichtigten Nebenfolgen des Handelns’, von ‚unanticipated consequences of action’ und von ‚latenten Funktionen’ für ihr wesentliches Geschäft halten. […] Das Nicht-Antizipierte oder Unbeabsichtigte bleibt ein unbegriffenes Residuum oder ein bloßes Zufallsprodukt, solange ihm nicht eine zur bewußten Handlungsintention kontrastierende, positiv explizierte ‚Ursache’ oder ‚Quelle’ konzeptuell beigestellt wird. An dieser Stelle der Überlegung wird nun deutlich, daß die analytische Konstruktion vorab zwei Gesichtspunkte zu berücksichtigen hat: Auf der einen Seite hat sie davon auszugehen, dass das, was das Verfahren der ojektiven Hermeneutik als latente Sinnstrukturen eines Textes rekonstruiert und worin sich die ‚unbeabsichtigten Folgen’ gewissermaßen ankündigen, eine soziale Realität sui generis erfaßt, und zwar eine soziale Realität von objektiven Bedeutungsstrukturen, die bezogen auf die Ebene des in den Handlungstheorien und im symbolischen Interaktionismus in den Vordergrund gerückten ‚subjektiv gemeinten Sinnes’ eine Realität von Möglichkeiten darstellen. Demgegenüber verweist der in den soziologischen Handlungstheorien üblicherweise implizierte Begriff von sozialer Realität auf die Ebene der subjektiv intentionalen Repäsentanzen. Wir halten die These dagegen, daß die Realitätsebene, die den Primat für die soziologische Betrachtung haben muß, die Realität der objektiven Bedeutung oder der latenten Sinnstrukturen von Texten ist und fassen dabei den Begriff des Textes sehr weit als die Klasse von in welchem Medium auch immer protokollierten Handlungen. […] Wir können diesen textbegriff bezogen auf das materielle Substrat von Protokollen sozialen Handelns so weit fassen, weil wir gleichzeitig davon ausgehen können, dass die sprachliche Explikation dieser Protokolle prinzipiell möglich ist. ja, die Konstitution der objektiven Bedeutung von Interaktionen an das Kriterium der prinzipiellen sprachlichen Ausdrückbarkeit gebunden ist. Der Heterogenität des materiellen Mediums von Interaktionsprotokollen steht also die Homogenbität der vollen sprachlichen Ausdrückbarkeit der von ihnen konstitutierten Bedeutungen gegenüber. Auf der anderen Seite muß die Konstruktion die Frage beantworten können, welche Wirkungen von dieser Realität von Bedeutungsmöglichkeiten eines Textes ausgehen, wenn sie unabhängig von der mentalen Realität ihrer subjektiv intentionalen Repräsentanzen, unabhängig vom subjektiv gemeinten Sinn also, gelten. […] Zunächst ist hier grundsätzlich folgende Unterscheidung zu treffen: Der Begriff der sozialen Realität von latenten Sinnstrukturen ist nicht an das Kriterium ihrer Wirksamkeit in der konkreten Situation der Produktion des Textes oder einer konkreten Situation seiner Wahrnehmung gebunden, sondern allenfalls an das Kriterium seiner prinzipiellen Wirksamkeit in irgendeiner denkbaren Situation. Gleichwohl zielt die begriffliche Konstruktion auf die Analyse gerade jener Wirkungen der latenten Sinnstrukturen ab, die über die subjektiv intentionale Realisierung nicht vermittelt sind, also in den Bereich von Wirkungen fallen, die durch Unbewußtes vermittelt sind.“ (S. 368-369, Herv. i. Orig.

„Dem Text selbst sieht man es nicht an, ob er von Schauspielern, von einem Dramenautor oder von der sozialen Wirklichkeit selbst produziert worden ist.“ (S. 370)

„dass sowohl der Vater als auch die Mutter die soziale Realität produzieren, die auf kleinstem Textraum die Struktur der zentralen Konfliktthematik der Ehebeziehung vollgültig reproduziert, ohne dass die beiden Beteiligten einen voll entwickelten, intentional repräsentierten Begriff davon gehabt hätten. Zur Plausibilisierung dieser Einschätzung reicht schon die gedankenexperimentelle Konstrastüberlegung, dass eine strategisch intendierte Produktion dieser Sinnstruktur eine kognitiv außerordentlich komplizierte Konstruktion erfordert hätte“ (S. 370)

„Es sind nicht Konstititonsleistungen des Subjekts, die dahinter stehen, sonder es sind die interaktionsstrukturinhärenten Regeln verschiedenen Typs (syntaktische Regeln, pragmatische Regeln, Regeln der Sequenzierung von Interaktion, Regeln der Verteilung von Redebeiträgen, usf.) die interaktionstectgenerativ die latenten Sinnstrukturen konstitutieren.“ (S. 370)

„Verzerrt sind aber nicht die Textstrukturen selbst, sondern das Verhältnis der ‚verzerrt kommunizierenden’ Subjekte zu diesen Texten. Entsprechend halten wir es auch für verfehtl, für die Rekonstruktion des Sinns oder der Bedeutung pathologischer und normaler Formen des Handelns jeweils spezielle Hermeneutiken zu entwickeln, wie das beispielsweise Lorenzer im Programm einer Tiefenhermeneutik durchführen will. Von unserer Position aus ist vielmehr entscheidend, dass die objektive Hermeneutik eine für pathologische und normale Interaktionsformen grundsätzlich gleiche Textstruktur unterstellt und die Differenzierung des Normalen und des Pathologischen zu einer Frage des spezifischen Verhältnisses der Subjekte zu ihren Interaktionstexten macht.“ (S. 371)

„Insofern liegt hier, bezogen auf die Signalisierung des tatsächlichen Beziehungsstandes gerade keine verzerrende, sondern eine wahrheitsgemäße Kommunikation vor. Verzerrt wäre sie nur im Vergleich mit dem idealisierten Modell des Aussprechens eines Lobes innerhalb einer Ehebeziehung.“ (S. 372)

„Wir können nach diesem Gedankenexperiment klarer fassen, warum die Verzerrtheit einer Kommunikation eine Funktion des Verhältnisses der subjektiv intentionalen Repräsentation eines Sprechers zur objektiven Bedeutung seines Interaktionstextes ist.“ (S. 372)

„[V]ergleichsweise ‚schwache’ psychische Motive [reichen] aus, in der Kombination mit einem ausgebildeten sprachlichen Regelbewußtsein ‚starke’ Bedeutungen auf der Ebene des offenen Textes entstehen zu lassen. Diese Bedeutungsstrukturen des Textes sind gewissermaßen die emergenten Strukturen, die von der konkreten innerpsychischen Realität des Sprechers her als Sinnstrukturen nicht voll determiniert sind, gleichwohl aber als emergente Strukturen restringierenden Realitätsdruck ausüben und als solche bei geeigneter Interpretation nachträglich durchaus zu determinierten Strukturen werden können.“ (S. 374-375)

„In dieser Interpretation beleuchtet die Textstelle exemplraisch den allgemeinen Prozeß, wonach in Interaktionssystemen latente Verzerrungen und Konflikte entstehen, die manifest werden, wenn sie nicht durch das Operieren von Angemessenheitsurteilen sofort wieder beseitigt werden. Auf diese Weise kann man sich vorstellen, wie im Falle fehlender Angemessenheitsurteile, eines fehlenden Bewußtseins von einer angemessenen Partnerbeziehung beispielsweise, innerhalb kürzester Zeit aus den Interaktionstexten eine offene, traumatische Konfliktstruktur hervorgehen muß.“ (S. 375)

„Wäre dies die erste und bislang einzige Szene, die wir von dieser Familie kennten und interpretiert hätten, so behielte unsere Interpretation den Status einer Explikation von Möglichkeiten, die freilich vom Text nach strikten Kriterien der Konsistenz gedeckt sein müssen. Erst wenn in anderen, unabhängigen Szenen immer wieder dieselbe oder eine ähnliche Struktur das Ergebnis einer ausführlichen Sinnrekonstruktion wäre – was für diese Familie der Fall ist –, würden wir diese Struktur zur empirisch triftigen Fallrekonstruktion erklären. Damit hängt zusammen, dass wir in unseren Interpretationen im Gegensatz zur üblichen Vorgehensweise in der sozialwissenscahftlichen Forschungspraxis Schlüsse über die Bedeutung von Texten und die latente Sinnstruktur von Interaktionen für vergleichsweise unproblematisch und leicht zu sichern halten, während wir Schlüsse auf die innerpsychische Realität von Handlungssubjekten, über ihre Motive, Absichten, Erwartungen und Wertorientierungen also, für sehr viel problematischer halten und entsprechend vorsichtig vornehmen. Wir konstruieren solche Dispositionen zunächst nur auf der Ebene von Bedeutungsmöglichkeiten nach der allgemeinen Aussageform ‚Jemand, der sich an einer Interaktionssequenz beteiligt wie in der vorliegenden Form, könnte dies aus diesen oder jenen Motiven tun’. Aus einer Vielzahl solcher Konstruktionen zu den Äußerungen einer konkreten Person ergeben sich im zweiten Schritt Verdichtungen zu Vermutungen über die Dispositionen und die innerpsychische Realität der konkreten Person. Diese in der Sprache des Falles selbst belegten Vermutungen können dann im dritten Schritt den Vertretern der für das Erschließen der innerpsychischen Realität zuständigen Psychoanalyse zur Überprüfung übergeben werden. Dieses Argument belegt zugleich, welche textinterpretatorischen Voraussetzungen faktisch in die diagnostischen Operationen der Psychoanalytiker eingehen.“ (S. 376-377)

„Für den Nachweis des Stellenwertes der objektiven Hermeneutik ist zentral, dass in jedem Falle, wie auch immer das theoretische Problem der psychischen Instanzen für die Repräsentanz von latenten Sinnstrukturen gelöst wird, die Explikation der latenten Sinnstruktur eines Interaktionstextes am Anfang der sozialwissenschaftlichen Analyse stehen muß, gleichgültig, ob in der Soziologie, der Sozialypsychologie, der Psychoanalyse oder der Geschichtswissenschaft.“ (S. 377)

„ist aus der Sicher der objektiven Hermeneutik die Grenze zwischen dem Bewußten und dem Vorbewußten entscheidend, weil sie mit der Abgenzung von intentionaler Repräsentatnz zusammenfällt. Der der objektiven Hermeneutik innewohnende Vorgriff auf einen Begriff vom Unbewußten deckt sich umfangslogisch mit dem deskriptiven Konzept vom Unbewußten in der Psychoanalyse. Entsprechend hat offen zu bleiben, welche Formen und Instanzen eine so bezeichnete unbewußte psychische Repräsentanz annimmt. […] in unserer Konstruktion das Vorbewußte Teil der intuitiven Erkenntnis in dem Sinne, dass die latenten Sinnstrukturen unseres Handelns zwar nicht besonders explizit und aufmerksam, jedoch auch nicht verzerrt und verschoben wahrgenommen werden.“ (S. 377-378)

„Konkreter Gegenstand der Verfahren der ‚objektiven Hermeneutik’ sind Protokolle von realen, symbolisch vermittelten sozialen Handlugnen oder Interaktionen, seien es verschriftete, akustische, visuelle, in verschiedenen Medien kombinierte oder anders archivierbare Fixierungen. Welche materielle Form das Protokoll hat, ist für das Interpretationsverfahren der ‚objektiven Hermeneutik’ ein kontingenter, technischer Umstand, da seine Interpretierbarkeit unabhängig von seiner materiellen Form prinzipiell an die Bedingung der Versprachlichung oder sprachlichen Paraphrasierbarkeit der Interaktionsbedeutungen gebunden ist.“ (S. 378)

„Interaktionstexte konstitutieren aufgrund rekonstruierbarer Regeln objektive Bedeutungsstrukturen und diese objektiven Bedeutungsstrukturen stellen die latenten Sinnstrukturen der Interaktion selber dar. Die objektiven Bedeutungsstrukturen von Interaktionstexten, Prototypen objektiver sozialer Strukturen überhaupt, sind Realität (und haben Bestand) analytisch (wenn auch nicht empirisch) unabhängig von der je konkreten intentionalen Repräsentanz der Interaktionsbedeutungen auf seiten der an der Interaktion beteiligten Subjekte. […] Aus diesem Grunde halten wir es von vornherein für verfehlt, die Bedeutung eines Textes durch Schlüsse über die Intentionen des Produzenten oder das Verständnis konkreter Rezipienten erschließen zu wollen und – wie in den Sozialwissenschaften allgemein üblich – Aussagen über die innerpsychische Realität von Handlungssubjekten, über deren Motive, Erwartungen und Wertorientierungen also, ohne eine gründliche und gut abgesicherte hermeneutische Rekonstruktion der objektiven Bedeutungsstrukur ihrer Interaktionstexte gewinnen zu wollen.“ (S. 379)

„Wir [verwenden] die Kategorie der Interaktion in zweierlei Hinsicht anders als das gemeinhin üblich ist. Zum einen gehen wir davon aus, dass die elementarste Einheit menschlichen Handelns und damit auch die kleinste analytische Einheit der Handlungstheorien die Interaktion ist. Bezogen darauf stellt das individuelle Handeln schon eine Abstraktion dar. […] Zum anderen verwenden wir den Begriff der Interaktion nicht verdinglicht zur Bezeichnung ausgrenzbarerer Veränderungen und Prozesse im Sinne konkreter Handlungs-Bewegungen, sondern allgemeiner zur Bezeichnung von Bedeutung tragenden Relationen zwischen Handlungseinheiten innerhalb eines Zeitintervalls. In dieser allgemeinen Sicht meint die Kategorie der Interaktion einen stetigen, ununterbrochenen zeitlichen Strom von Ereignissen in einem Beziehungssystem, unabhängig davon ob diese Ereignisse konkret Konstanz oder Veränderung, Ruhe oder Bewegung bedeuten, und sie bindet die sozialwissenschaftliche Relevanz dieser Ereignisse nicht an die Existenz eines subjektiv vermeinten Sinns für die Beteiligten, sondern weit weniger restriktiv an deren objektive Bedeutsamkeit.“ (S. 379-380)

„Die latente Sinnstruktur eines einzelnen Interakts oder einer Äußerung enthält als Struktur von situativ und kontextuell möglichen Bedeutungsrelationen in der Regel verschiedene ‚Lesarten’, von denen auf seiten der beteiligten Subjekte in der ursprünglichen Handlungssituation gewöhnlich nur ein Teil subjektiv intentional realisiert worden ist. Die Differenz zwischen der Ebene der objektiven latenten Sinnstrukturen und der Ebene der subjektiv-intentionalen Repräsentanz ist für die objektive Hermeneutik entscheidend. Die vollständige Koinzidenz der intentionalen Repräsentanz mit der latenten Sinnstruktur der Interaktion ist prinzipiell möglich, aber sie stellt den idealen Grenzfall der vollständig aufgeklärten Kommunikation in der Einstellung der Selbstreflexion dar: Die handelnden Subjekte haben sich durch begleitende Rekonstruktion ihrer eigenen Interaktionstexte des vollständigen Sinns ihrer Handlungen vergewissert. […] [N]ur in dem genannten idealen Grenzfall [ist] möglich, was für Befragungs- und Beobachtungsverfahren in der Regel als unproblematisch unterstellt wird: Von der Äußerung der Subjekte direkt auf ihre Handlungsdispositionen schließen und in einem zweiten Schritt daraus die Struktur ihres Handelns erschließen zu können.“ (S. 380)

„Die Konstruktionen der objektiven Hermeneutik implizieren einen Bedeutungsbegriff, der – obwohl strikte von einem behavioristischen Konzept des Rekurses auf äußere Verhaltenskritierien abgesetzt – nicht auf einen vorgängigen Begriff der Intentionalität subjektivistisch zurückgeführt wird. Vielmehr gehen wir in einer spezifischen Auslegung der Bedeutungstheorie von Mead von einem Begriff der Bedeutung als interaktiv emergenter, objektiver sozialer Struktur aus, die ihrerseits als Voraussetzung für die Konstitution von Intentionalität gelten muß. Selbstverständlich verweist diese objektive Bedeutung auf Intentionen und selbstverständlich kann die interaktive Emergenz von Bedeutung konkret nicht ohne die Intentionalität von Subjekten gedacht werden, jedoch handelt es ich bei der Intention, die der regelerzeugten objektiven Bedeutung eines Interaktionstextes sinnlogisch äquivalent oder synonym ist, um die Intention des idealisierten, transzendental konstruierten verallgemeinerten Subjekts des ‚universe of discourse’, im Meadschen Verständnis gewissermaßen um den absoluten Anderen, den ‚generalized other’ des die Bedeutung konstitutierenden Regelsystems und daher um nichts anderes als eine Paraphrase der objektiven Bedeutung selbst, von der die Intentionen eines konkreten individuierten Handlungssubjekts kategorial strikt zu trennen ist.“ (S. 380-381)

Der Begriff der latenten Sinnstruktur nimmt eine Eben der Realität eigener Art in Anspruch, die sowohl von der für die Verhaltenstheorie relevanten Realität des beobachtbaren Verhaltens als auch von der für die Handlungstheorie und den symbolischen Interaktionismus bedeutsamen Realität der subjektiven Entwürfe, Definitionen und Konstruktionen von sozialer Wirktlichkeit strikte zu trennen ist und gleichwohl als Realität objektiver Strukturen über den Begriff von der gesellschaftlichen Realität bei Marx analytisch hinausgeht, ja diesen überhaupt erst zu begründen erlaubt. Mit dem Begriff von den latenten Sinnstrukturen werden objektive Bedeutungsmöglichkeiten als real eingeführt, unbhängig davon, ob sie von den an der Interaktion beteiligten Subjekten intentional realisiert wurden oder nicht. Mit der objektiven Hermeneutik soll dasjenige Interpretationsverfahren bestimmt sein, das zur Aufschlüsselung dieser Realität benötigt wird. […] [E]s [geht] ausschließlich um die sorgfältige, extensive Auslegung der objektiven Bedeutung von Interaktionstexten, des latenten Sinns von Interaktionen, und dieses Verfahren des rekonstruierenden Textverstehens mit einem verstehenden Nachvollzug innerpsychischer Prozesse, etwa bei der Interpretation von Befragungsergebnissen oder von durch prjektive Tests erzeugten Antworten nichts zu tun hat.“ (S. 381, Herv. i. Orig.)

„Poppers Konzeption der Welt 3, der Welt der Argumentationsstrukturen, deckt sich sinngemäß mit unserem Konzept der latenten Sinnstrukturen. […] Am Beispiel der Rekonstruktion der Problemsituation, die Galileis Argumentation im Bezugsrahmen einer schon zur damaligen Zeit problematischen Gezeitentheorie zugrunde lag, weist Popper den theoriestrategischen Stellenwert dieses Vorgehens nach, das irrtümlich als Zeichen für einen Dogmatismus der Forscherpersönlichkeit Galileis gehalten wurde. Popper bringt damit nichts anderes zur Geltung, als das, was wir in der objektiven Hermeneutik mit der These in Anspruch nehmen, theoretische Begriffe seien in der Sprache des ‚rekonstruierten Falles’ selbst zu explizieren. […] Diese Strukturexplikation in der Sprache des Falles oder des historischen Ereignisses selbst hat allemal, offensichtlich auch für den kritischen Rationalisten Popper, am Anfang der empirischen Analyse zu stehen und läßt sich durch Messungen nach dem Modell der einheitswissenschaftlichen Methodologie nicht substituieren.“ (S. 382)

„Erst eine gewissermaßen unterhalb der Realitätsebene von latenten Sinnstrukturen liegende zweite Ebene der Realtität bezieht sich auf die mentalen Repräsentationen von Welt, die jeweils bezogen auf die rekonstruierte latente Sinnstruktur eines Interaktionstextes einen Ausschnitt darstellen. Auf dies Ebene […] gehören auch die subjektiv-intentionalen Repräsentanzen und die darin nur reduziert sich manifestierenden, das Urteil der Angemessenheit von Handeln steuernden kollektiven Deutungsmuster.“ (S. 382)

„Selbst im Alltagsleben finden wir Entsprechungen für die vom Konzept der latenten Sinnstrukturen in Anspruch genommene Ebene der Realität von Möglichkeiten des subjektiv gemeinten Sinns. Wir führen zum Beispiel diese Realitätsebene implizit dann ein, wenn wir im Falle eines Missverständnisses, und das heißt des Versagens der abkürzenden Verfahren der Erschließung der konkreten Absichten eines Sprechers aus der Bedeutung des von ihm gesprochenen Textes, zum ursprünglichen Text und seiner Bedeutungsrealität zurückkehren. Wir differenzieren in derselben Weise diese Realitätsebene aus, wenn wir hinter die ‚wirklichen’ Motive des Handelns einer Person kommen willen. Wir interpretieren dann die Interaktionstexte dieser Person und unterstellen dabei, dass sie eine von den ursprünglichen Intentionen des ‚Sprechers’ unabhängige, abgelöste Bedeutung tragen, in der das Subjekt sich ‚verrät’.“ (S. 383)

„Unbewußte Triebrepräsentanzen betrachten wir als anläßlich einer nachträglichen Sinnauffüllung von Kindheitsszenen verdrängte Derivate der latenten Sinnstrukturen dieser Szenen. Mit den latenten Sinnstrukturen teilen sie den Charakter der Zeitlosigkeit, sie haben als SDtrukturen Realität unabhängig von dem lebensgeschichtlichen oder historischen Zeitpunkt ihrer jeweiligen interpretativen Entschlüsselung und sie manifestieren sich dauerhaft als solche hinter dem Rücken der Intentionalität des Subjekts auf der Ebene der objektiven Bedeutungsstrukturen von Interaktionstexten.“ (S. 383)

Die Koinzidenz von latenter Sinnstruktur und subjektiv repräsentiertem Sinn stellt den idealen Grenzfall vollständig aufgeklärter Kommunikation dar. Die den empirischen Normallfall kenzeichnende Differenz von latenter Sinnstruktur und subjektiv-intentionaler Repräsenatnz kann durch drei verschiedene Typen von Einlußfaktoren bedingt sein: 1. […] aus Sicht einer soziologischen Sozialisationstheorie die latenten Sinnstrukturen der sozialisatorischen Interaktion für die ontogenetische Strukturbildung den außerhalb des Subjekts liegenden sozialen Gegenstand abgeben, und dass für die humane Ontogenese die stellvertretende Deutung der latenten Sinnstrukturen durch sozialisierte Bezugspersonen (Eltern und Lehrer) konstitutiv ist. Auf diese Weise wird die Umwandlung von objektiven Verhaltensantrieben in subjektiv verfügbare Intentionen des Handelns mediatisiert. Dieses Prinzip der stellvertretenden Deutung des objektiven Sinns von Handeln kennzeichnet im übrigen nicht nur die Prozesse der Sozialisiation, sondern auch die der ‚Resozialisation’, zum Beispiel in therapeutischen Prozessen, aber auch in Prozessen der sozialen Kontrolle. Die entwicklungsstandspezifischen Verkürzungen in der subjektiv-intentionalen Realisierung von latenten Sinnstrukturen können, aber müssen nicht verzerrende Wirkung haben, sie bedingen vielmehr primär Vereinfachungen. […] 2. Latente Sinnstrukturen können durch pathologisch restringierende Faktoren als systematisch verzerrte, fragmentierte oder verschobene Lesarten intentional repräsentiert sein. Auf der Ebene der Lebensgeschichte bezeichnen wir diese Faktoren als Neurosen und Psychosen, auf der Ebene der Gesellschaftsgeschichte als Ideologien, Dogmen, Mythen oder was auch immer. […] 3. […] Während jedoch die objektive Hermeneutik in einer ganz ‚unpraktischen’ extensiven Auslegung des latenten Sinns von Interaktionstexten besteht, und dabei gerade die Explikation der ‚unwahrscheinlichen Lesarten’ und wie selbstverständlich geltenden Präsuppositionen für das Verständnis der spezifischen Struktur einer Interaktion wesentlich ist, ist das Motivverstehen des Alltagshandelns unter praktischem Handlungsdruck darauf aus, möglichst treffsicher und möglichst schnell eine richtige Vermutung über die Absichten und die Befindlichkeit eines Interaktionsteilnehmers oder über den Sinn der zeichenhaften Objektivierung von Intentionen zu erhalten. Im praktischen Handeln müssen Ziele realisiert werden, in der objektiven Hermeneutik müssen Strukturen möglichst differenziert zur Explikation gebracht werden. Das Alltagshandeln benötigt also abkürzende Verfahren der Bedeutungsentschlüsselung und des Motivverstehenes: Verfahren, die als Strategien der Entschlüsselung der wahrscheinlichsten Lesart fungieren. Wir nennen sie vorläufig die das praktische Handeln ökonomisierenden Faktoren […] Dieser dritte Typus von Faktoren sichert, dass in der Regel und unter den soziohistorisch wahrscheinlichen Kontextbedingungen die latente Sinnstruktur von praktischem Handeln ‚richtig’ und unverzerrt dechiffriert wird, obwohl im Hinblick auf Letzteres in Rechnung gestellt werden muß, dass die ökonomisierenden Faktoren selbst auf kritisierbare, den Zeitgeist und die Ideologien einer gesellschaftlichen Entwicklungsstufe artikulierende Annahmen, zum Beispiel auf tiefsitzenden epochenspezifischen Deutungsmustern aufruhen. Aber innerhalb des soziokulturellen Bezugsrahmens einer gesellscahftlichen Entwicklungsstufe sichern diese ökonomisierenden Faktoren das unverzerrte, im Kern richtige Verständnis des Sinns einer Interaktion, jedoch auf einer Stufe sehr geringer Explikation.“ (S. 383-386, Herv. i. Orig.; Anm.: Ähnlichkeit/Erklärung der Foucault’schen „Archäologie des Wissen“ bzw. „Ordnung der Dinge“)

„Die latenten Sinnstrukturen einer interaktion werden konstitutiert im Zusammenspiel aller jener Regeln, die an der Erzeugung des Textes beteiligt sind. Es sind dies die universellen und einzelsprachspezifischen Regeln der sprachlichen Kompetenz auf den Ebenen der Syntax, der Phonologie, die Regeln einer kommunikativen oder illokutiven Kompetenz, […] die universellen Regeln einer kognitiven und moralischen Kompetenz und die das sozio-historisch spezifische Bewußtsein des sozialisierten Subjekts konstitutierenden institutionalisierten Normen, lebensweltspezifischen Typisierungen und Deutungsmuster – also Regeln unterschiedlichen Typs und unterschiedlicher gattungsgeschichtlicher oder historischer Reichweite der Geltung.“ (S. 387)

„Wir tun nun in unseren Interpretationen von Interaktionstexten nichts anderes, als genau diese praktisch folgenreichen Urteile der Angemessenheit möglichst ungetrübt zur Geltung zu bringen, die realen Kompetenzen des Gattungssubjekts und des sozio-historisch sozialisierten Mitglieds einer Lebenswelt möglichst ungetrübt intuitiv in Anspruch zu nehmen. Wenn im Sinne einer Kunstlehre Vorkehrungen getroffen werden können, die die Ungetrübtheit dieser intuitiven Urteilskraft praktisch zu sichern helfen, brauchen wir die diese Kompetenz ausmachenden Regeln selbst nicht mehr theoretisch als Voraussetzung für die Gültigkeit der Interpretationen einer objektiven Hermeneutik explizieren, ohne dass die Widerlegbarkeit der Sinnrekonstruktionen dadurch eingeschränkt würde. […] Die Architektonik von Kompetenztheorien impliziert, dass es sogar forschungspraktisch ungerechtfertigt und leichtsinnig sein könnte, auf die theoretische Explikation von Regeln oder Kompetenzen als Voraussetzung für eine Rekonstruktion des latenten Sinnes von Interaktionen zu ‚warten’. Maßstab der empirischen Triftigkeit von Kompetenztheorien – als aus solchen Regelexplikationen bestehenden Theorien – ist ja gerade die unabhängige, empirische Operativität der intuitiven Urteilskraft, die wir zugleich als Interpreten in Anspruch nehmen und den handelnden Subjekten selbst unterstellen.“ (S. 388)

„Es soll auch die Differenz zwischen einem die Regeln nur intuitiv in Anspruch nehmenden Textverstehen und einer ihre theoretische Explikation in anspruch nehmende ‚Erklärung’ nicht geleugnet werden. […] Wir wollen auch nicht leugnen, dass die problemlose Inanspruchnahme von intuitiven Urteilen der Angemessenheit in dem Maße problematisch wird, in dem dahinter nicht mehr universale Strukturen des sprachlichen, logischen oder moralischen Bewusstseins stehen, sondern soziohistorisch und lebensweltlich spezifische Normen, Typisierungen und Deutungsmuster, die ihrerseits Gegenstand der Veränderung durch kritische Reflexion und Gegenstand der Abwandlung in Prozessen der Individuierung sind.“ (S. 389)

„Die Kategorie der latenten Sinnstrukturen selbst zielt letztlich auf eine transzententallogische, dem Peirceschen Konzept des Erkennbaren – im Unterschied zum Erkannten – analoge Konstruktion einer vollständig expliziten und konsistenten Rekonstruktion der Realität von Bedeutungsmöglichkeiten ab, die in einem Text gewissermaßen schlummern. Diese Ebene kann ‚in the long run’ erreicht werden, aber immer nur approximativ. Wie im Peirceschen Pragmatizismus erreichen wir – aufgrund dieser Konstruktion darstellbar – Erkenntnisfortschritt, aber empirisch nicht oder nie sein absolutes Ende. […] Die latenten Sinnstrukturen sind zwar von in der Zeit produzierten Texten generiert worden, aber sie sind als solche zeitlos. Zeitlich und historisch ist dagegen der Prozeß ihrer Interpretation, den wir ja als historischen, von jeweils soziohistorisch geltenden Weltdeutungen und Normensystemen abhängigen Prozeß der subjektiv-intentionalen Realisierung fassen.“ (S. 390; Anm.: erste Parallelen zu Popper und dem kritischen Rationalismus)

„Damit ist ausgesprochen, dass die praktischen Verfahren der objektiven Hermeneutik sich nicht prinzipiell erkenntnislogisch von den Verfahren des Alltagswissens unterscheiden, aber im Sinne einer Kunstlehre ihren Gegenstand approximativ zu erschließen versuchen. […] Hierin sehen wir das hermeneutische Analogon zur Popperschen Idee der Falsifikation von Hypothesen, beziehungsweise der ihr vorausgehenden These der prinzipiellen Nicht-Verifizierbarkeit von Hypothesen. Der Interpretationsprozeß nist also prinzipiell offen und seine Ergebnisse sind jederzeit revidierbar.“ (S. 391)

„Eine erkenntnislogische Differenz zwischen den Verfahren des Alltagshandelns und den Verfahren der objektiven Hermeneutik [kann] nicht gezogen werden und die Wissenschaftlichkeit der objektiven Hermeneutik forschungspraktisch entsprechend in Gestalt einer Kunstlehre gesichert werden muss. Dies überrascht uns im übrigen nicht, weil in den Sozialwissenschaften angesichts der strukturellen Homologie von Gegenstandserschließung und Gegenstand die wissenschaftliche Praxis ganz allgemein sich von der Alltagspraxis nur in Gestalt einer Kunstlehre abhebt. Das Ergebnis davon ist historisch die Ausdifferenzierung der Logik professionalisierten Handelns.“ (S. 391)

„Die Kunstlehre [soll] sichern, dass die praktischen Verfahren der objektiven Hermenutik zu Interpretationsergebnissen führen, die zwar prinzipiell den Status von subjektiv-intentionaler Repräsentanz (auf seiten der Interpreten selbst) nicht verlassen, gleichwohl aber die latenten Sinnstrukturen in größtmöglicher Annäherung erschließen. (S. 392; Anm.: Parallele zur Popper’schen Betonung der Intersubjektivität sowie der oben bereits erwähnten Analogie zum kritischen Rationalismus)

„Der praktische Interpretationsprozeß sollte sich demnach daran orientieren, den Einfluß der drei Typen von Faktoren möglichst gering zu halten. […] Beginnen wir mit dem ersten Typ von Faktoren, den entwicklungsstandspezifischen Restriktionen der sinninterpretationskapazität, so ergibt sich daraus die triviale Forderung, dass nicht Subjekte, deren Sozialisationsprozeß noch nicht abgeschlossen ist, die Last der Interpretation von Interaktionstexten übernehmen können. Ebenso trivial ist die Forderung, dass die Interpreten mit der Lebenswelt, aus der das Datenmaterial stammt, möglichst gut vertraut sein sollten. Weniger trivial ist schließlich die Forderung, dass der Interpretationsprozeß durch einenn differenzierten Einsatz einer Vielzahl von möglichst expliziten theoretischen Ansätzen, die als Heuristiken fungieren, angeleitet werden sollte. Allerdings ist dabei strikte zu beachten, dass diese Theorien eben als Heuristiken, auf der gleichen Stufe wie die Elemente des Alltagswissens, angewendet werden und nicht im technischen Sinne als lizensierende Basis der Ableitung oder der Autorisierung von Schlüssen. Sehr viel weniger trivial sind die Folgerungen, die sich aus der Beachtung des zweiten Typus von Faktoren ergeben, die wir als die pathologisch restringierenden Faktoren bezeichnet haben. […] Zunächst einmal wird man versuchen, Interpreten zu finden, die nach Möglichkeit nicht ausgeprägt neurotisch sind […] Praktikabel ist dagegen die Forderung, die einzelnen, individualspezifischen Beschränkungen der Interpreten dadurch auszugleichen, dass die Interpretationen in einer Gruppe ständig kontrolliert werden. Das allein aber reicht nicht aus, wenn nicht zusätzlich die Gruppenmitglieder eine hohe Bereitschaft zeigen, geradezu streitsüchtig ihre Interpretationen möglichst lange mit Argumenten gegen Einwände aufrechtzuerhalten, damit sie, wenn sie scheitern, möglichst informationsreich scheitern. […] Unter dem Gesichtspunkt des dritten Typs von Faktoren, den das praktische Handeln ökonomisierenden Faktoren, ergibt sich eine Reihe von wichtigen Vorkehrungen. Am wichtigsten ist das Prinzip der extensiven Auslegung des Sinns von Interaktionstexten. Dies bedeutet, die Alltagspraxis des Motivverstehens gegen den Strich zu bürsten, indem gerade nicht möglichst treffsicher und möglichst schnell die Absicht des Handlungspartners entschlüsselt werden soll, sondern umgekehrt möglichst ausführlich, d.h. unter Einschluß auch der ‚unwahrscheinlichen’ und vom Vorwissen über den Fall ausschließbaren Lesarten, und möglichst explizit alle Präsuppositionen des Textes erfasst werden. Dies ist nur möglich, wenn man von vornherein bereit ist, sehr viel Zeit auf die Interpretation eines Textausschnittes zu verwenden. […] Voiraussetzung für eine gesicherte Interpretation [ist] natürlich die vollständige Entlastung vom Handlungsdruck innerhalb der zu interpretierenden Interaktionssequenz selbst, und wieviel für das Empfinden des Alltagsverstandes ganz unnatürlich hoher Zeitbedarf für die Interpretation in Rechnung gestellt werden muß. (S. 392-393, Herv. L.D.; Anm.: Wiederum Intersubjektivität als Notwendigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis, vgl. Popper.)

„Für ein weiteres wichtiges Prinzip halten wir den Grundsatz, für jedes im Protokoll enthaltene Element des Textes eine Motivierung zu explizieren, Textelemente nie als Produkte des Zufalles anzusehen.“ (S. 394; Anm.: Dieser Ansatz widerspricht der Gidden’schen Kritik an Freud und dessen „Freud’schen Versprechern“, expliziert in Giddens 1984, S. 93-104)

„Ebene 0: Explikation des einem Interakt unmittelbar vorausgehenden Kontextes, gewissermaßen des Systemzustandes vor dem betreffenden Interakt, und zwar aus der virtuellen Sicht desjenigen, der faktisch als nächster interagiert. […] Eine zwischen mehreren Subjekten ablaufende Interaktion läßt sich nicht, wie das soziologische Forschung häufig reifizierend unterstellt, aus einzelnen Handlungen zusammenaddieren, sondern ist ein permanenter Prozeß zwischen allen Beteiligten. […] Erst recht stellt die Verbalisierung beziehungsweise Vokalisierung eines Interakts, die von einer Tonbandaufnahme ausschließlich protokolliert wird, eine spezifische Realisierungsform der Interaktionsbeteiligung unter anderen möglichen Realisierungen dar und hat daher für sich schon eine Bedeutung. […] Ebene 1: Paraphrase der Bedeutung eines Interakts gemäß dem Wortlaut der begleitenden Verbalisierung. […] Ebene 2: Explikation der Intention des interagierenden Subjekts. Auf dieser Ebene werden extensiv und bewusst auch spekulativ Vermutungen über die Bedeutung und die Funktion des Interakts angestellt, die das interagierende Subjekt ‚bewußt’ durchsetzen, realisieren und hervorrufen wollte. […] Ebene 3: Explikation der objektiven Motive des Interakts und seiner objektiven Konseqeuenzen; im Unterscheid zur Explikation der Sprecherintention geht es hier um die Explikation der Verändungen des Systemzustandes, die objektiv, und das heißt nur teilweise in Deckung mit der Intention des Sprechers, durch seinen Interakt gesetzt worden sind. Hier müssen nun alle Kontextinformationen, die dem Interpreten zur Verfügung stehen, herangezogen werden. […] Bei der Interpretation auf dieser Ebene maßt sich der Interpret also analog zum erkenntnistheoretischen Status des Therapeuten den Status des distanzierten Dritten an. […] Insofern ist die Interpretation auf dieser Ebene für die gesamte Analyse zentral. […] Wir gehen dabei davon aus, dass nichts, auch nicht das geringfügigste Merkmal eines Interakts, zufällig erzeugt worden ist, sondern objektiv motiviert ist. Diese Grundannahme ist vergleichbar dem psychoanalytischen Grundsatz der Rekonstruktion unbewußter Motive, etwa in der Traumdeutung oder der Psychopathologie des Alltagslebens. Ganz analog gilt auch für unser Interpretationsverfahren der Satz von der Überdeterminierung. […] In diese objektiven Sinnstrukturen gehen immer auch unbewußte Motive der handelnden Personen mit ein, ohne allerdings die Gesamtheit der Motivierungen auszumachen. […] Ebene 4: Explikation der Funktion eines Interakts in der Verteilung von Interaktionsrollen. […] Ebene 5: Charakterisierung der sprachlichen Merkmale des Interakts. Auf dieser Ebene werden die sprachlichen Besonderheiten festgehalten. […] Ebene 6: Extrapolation der Interpretation des Interakts auf durchgängige Kommunikationsfiguren; […] Rekonstruktion der objektiv latenten Sinnstruktur der Szene. Die Feinanalysen selbst werden sequentiell Interakt für Interakt durchgeführt. Sie sollen am Ende, wenn eben möglich, zur Rekonstruktion einer sogenannten Kommunikationsfigur führen, die als quasi-ritualisiertes und gleichsam automatisch ablaufendes Interaktionsmuster nicht nur die jeweils konkrete Szene isoliert kennzeichnen, sondern situationsübergreifend die Interaktionen der Familie relativ unabhängig vom jeweiligen konkreten Inhalt charakterisieren kann. […] Solche Kommunikationsfiguren, deren Zwang die Personen eines pathologischen und im Hinblick auf Sozialisationsprozesse pathogenen Familiensystems blind unterworfen sind, lassen sich analog zur neurotischen Struktur eines pathologischen Persönlichkeitssystems auffassen. […] Entscheidend ist für die Interpretation auf dieser Ebene schließlich, dass wir bei jeder Szene zunächst mit der extensiven Explikation der von den anfänglichen Interakten gedeckten, möglichen Interpretationen beginne und dann in der sequentiellen Behandlung der einzelnen Interakte versuchen, sukzessive Inkonsistenzen und falsche Interpretationsansätze auszuschließen. Auf der Ebene 6 muß jeweils begründet werden, inwiefern ein Interakt eine bis dahin nicht abzuweisende Interpretationsalternative plausibler, weniger plausibel oder gar unsinnig werden läßt. Am Ende einer Feinanalyse steht idealiter eine Interpretation, die auf der einen Seite die Logik der durch die Beteiligten falsch vorgenommenen Bedeutungsselektion, auf der anderen Seite die objektiv latente Sinnstruktur der Szene selbst rekonstruiert. […] Ebene 7: Explikation allgemeiner Zusammenhänge. Auf dieser Ebene soll festgehlaten werden, welche allgemeinen, insbesondere sozialisationstheoretisch relevanten Zusammenhänge und Strukturen sich am Beispiel der untersuchten Familie feststellen, belegen oder problematisieren lassen. Dies ist demnach die einzige Ebene, auf der ein Bezug zur klassischen, mit Gesetzeshypothesen arbeitenden Sozialisationsforschung hergestellt wird. Zum einen dadurch, dass Interakte als Ereignisse, Fälle oder Exemplare eines theoretischen Begriffs oder als Ausprägung einer allgemein definierten Variablen betrachtet werden. […] Vielfach – und das variiert nach den intuitiv erfaßbaren Eigenschaften der Interakte – lassen sich die Ebenen nicht befriedigend auseinanderhalten.“ (S. 395-402)

„Das Prinzip der sequentiellen Feinanalyse und die differenz zwischen der latenten Sinnstruktur einer Äußerung und der latenten Sinnstruktur die den individuellen Fall ‚abbildet’“ (S. 412)

„Unter strengem sequentiellen Vorgehen verstehen wir vor allem, dass keine Informationen aus und Beobachtungen an späteren Interakten zur Interpretation eines vorausgehenden Interakts benutzt werden. […] Die latente Sinnstruktur einer einzelnen Äußerung oder eines einzelnen Interakts kann aus einer Vielzahl von Lesarten bestehen, sie kann mindestens so viele Lesarten annehmen, wie sich verschiedene Typen von Kontexten angeben lassen, in denen der Interakt als pragmatisch angemessen, sozial akzeptabel oder vernünftig gelten kann.“ (S. 414)

„Als sehr wichtiger Teil die innere Realität der Handlungssubjekte auf dem Hintergrund ihrer lebensgeschichtlichen Genesis sowie die Geschichte des Interaktionssystems selbst zu zählen sind, Kontextbedingungen also, die mit der Individuierung der Handlungssubjekte und ihres Interaktionssystems objektivierenden Fallstruktur, die es zu entdecken gilt, selbst identisch sind. Würden wir diese Kontextbedingungen kennen und sie gleichzeitig für erstarrte Strukturen halten, dann könnten wir alle Lesarten ausschalten bis auf die, die präzise den Fall in seiner Struktur zum Ausdruck bringt. Nun wollen wir aber gerade diese Fallstruktur erst auffinden oder aber zumindest unabhängig von unserem vorausgehenden Wissen prüfen und können sie daher nicht als gegeben voraussetzen. Unter diesen Bedingungen müssen wir also – ob aus Unkenntnis oder ob aus methodologischen Erwägungen – mehr Lesarten aufrechterhalten, als vom noch nicht rekonstruierten Fall gedeckt sind.“ (S. 414-415)

„zwischen den Kontextbedingungen zu unterscheiden, die fallunspezifisch die Interaktionssituation als solche kennzeichnen und für jeden Fall in einer gleichartigen Interpretation zu berücksichtigen sind und jenen, die den fall als individuierten fall kennzeichnen. […] Die Struktur individuierter Handlungssysteme realisiert sich in der sequentiellen Anordnung ihrer Äußerungen, und erst die Methodologie einer strengen Sequenzanalyse vermag individuierte Strukturen aufzudecken.“ (S. 415, Herv. i. Orig.)

„Wir bestimmen die latente Sinnstruktur im Sinne des Prinzips der extensiven Sinnauslegung dadurch, dass wir gewissermaßen gedankenexperimentell und unter Ausbeldung eines möglicherweise zur Verfügung stehenden Kontextwissens möglichst viele Kontextbedingungen zu entwickeln und aufzulisten versuchen, die diese Äußerung zu einer verständlichen und pragmatisch sinnvollen machen könnten, ihre pragmatischen Geltungsbedingungen erfüllen.“ (S. 415)

„Der Irrtum der Habermas’schen Theorie der verzerrten Kommunikation liegt demnach darin, die Verzerrtheit mit der Nichterfüllung von Geltungsbedingungen ineinszusetzen. Ob eine Kommunikation verzerrt ist oder unverzerrt, pathologisch oder normal, ergibt sich […] erst auf der Ebene, auf der sich pathologische und normale Kontexttypen, die beide gleichermaßen die Geltungsbedingungen erfüllen, unterscheiden lassen. In unserem Beispiel läßt sich offensichtlich keiner der normalen, gedankenexperimentell konstruierbaren Kontexttypen mit dem faktisch gegebenen Kontext zur Geltung bringen. Daraus schließen wird, dass eine durch Abweichung von der Normalität indizierte Besonderheit des Falles zur Motivierung der Äußerung angenommen werden muß.“ (S. 417-418, Herv. i. Orig.)

„Zwischen der ‚Vernünftigkeit’ von Handlungsstrukturen und der ‚Vernünftigkeit’ von Subjekten müssen wir eine Differenz machen. Sie folgt aus der These, dass nicht die latenten Sinnstrukturen von Interaktionen pathologisch sein können, sondern nur das Verhältnis der Subjekte zu ihnen.“ (S. 419)

„Gesicherte Vermutungen über die Besonderheit eines Falles lassen ich gerade dann gewinnen, wenn man bei der Textinterpretation so lange wie eben möglich davon ausgeht, dass die Motivierung einer Äußerung im Bereich des Normalen liegt – anders ausgedrückt, dass die faktisch vorliegenden Kontextbedingungen, wenn sie in die Klasse der konstruierbaren normalen Kontexttypen fallen, die die Geltungsbedingungen einer Äußerung erfüllen, diese Äußerung auch tatsächlich motiviert haben. Vermutungen über fallspezifische Besonderheiten, die die Geltungsbedingungen erfüllen, sind als Annahmen über die Motivierung einer Äußerung methodisch erst dann legitim, wenn eine andere, fallunspezifische Motivierungslinie nicht gefunden werden kann. Wir nenn dies die ‚Sparsamkeitsregel’. (S. 419, Herv. i. Orig.)

„[D]ie fallspezifischen Strukturen [lassen] sich um so schneller und einfacher entdecken, je pathologischer oder ‚abweichender’ sie sind. […] Für die sequentielle Analyse folgt aus dem Beispiel, dass der erste Interakt einer Szene besonders ausführlich interpretiert werden muß, und dass im Sinne des Prinzips der gedankenexperimentellen Konstruktion die Geltungsbedingungen der Äußerung erfüllender Kontexttypen, auch unter Ausblendung der Informationen über den unmittelbaren äußeren Kontext der Situation, an dieser Sequenzposition ein Maximum an Möglichkeiten als Kontrastfolie, auf der sich der Fall möglichst schnell konturiert abhebt, entworfen werden muß. Je ausführlicher die latente Sinnstruktur des ersten Interakts bestimmt worden ist, desto deutlicher und konstruierter läßt sich in der sequentiellen Analyse das den Fall abdeckende, spezifische Interaktionsmuster herauskristallisieren. […] Aus diesem Prinzip folgt, dass die Ausführlichkeit der Interpretation eines Interakts davon abhängig gemacht wird, an der wievielten Stelle in der Interaktionssequenz er steht.“ (S. 420)

„Es ist nun leicht zu sehen, dass diese Betrachtung zu einem Strukturbegriff führt, der über die in der soziologischen Theoriebildung übliche formale Definition, dass eine Struktur eine abgrenzbare Menge von Elementen sei, die sich in spezifizierbaren Relationen zueinander befinden, hinausgeht. Von einer Struktur läßt sich im Sinne unserer These nämlich erst sprechen, wenn man ihren Prozeß der Reproduktion kennt, wenn man über die Rekonstruktion der diese Reproduktion kennzeichnenden Transformationsgesetze verfügt.“ (S. 423; Anm.: Parallelität des verwendeten Strukturbegriffs mit dem Gidden’schen Begriff der Struktur als Strukturation)

Backlinks

Leothek

Persönliche Werkzeuge